ZT-Kammpräsident Gustav Spener
ZT-Kammpräsident Gustav Spener © KK

Ziviltechniker – also Architekten und Zivilingenieure - zählen zu den so genannten freien Berufen. Welchen Wert haben freie Berufe für die Gesellschaft?

GUSTAV SPENER:
Freie Berufe sind Berufe im öffentlichen Interesse, die in engem Zusammenhang mit Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit, Bürgerverbundenheit, Gesundheits- und Qualitätsstandards stehen. Die Unabhängigkeit der freien Berufe ist ein wichtiger Baustein der Stabilität des Staates. Gerade in Zeiten entfesselter globaler Märkte ist der Wert, den die öffentliche Hand aber auch Privatpersonen durch das fachliche Urteil beeideter, unabhängiger Experten wesentlich.

Im Frühjahr 2021 hat eine Gesetzesnovelle des Ziviltechnikergesetzes den Nationalrat passiert. Der Berufsstand hatte mit dem Gesetzesentwurf seine Unabhängigkeit, die ja ein zentrales Element ist, gefährdet gesehen und von Gold-Plating, also der Übererfüllung von Vorgaben und auch von Konsumententäuschung gesprochen. Berechtigt?

SPENER:
Mit der Gesetzesnovelle sollte auf Kritikpunkte des Europäischen Gerichtshof reagiert werden, allerdings sieht das Gesetz eine Übererfüllung des Geforderten vor. Eine der Neuerungen ist, dass neben ZTGesellschaften „Interdisziplinäre Gesellschaften mit Ziviltechnikern“ vorgesehen sind, die zusätzlich auch andere Berufe unter einem Dach vereinen.

Tatsächlich sind einige unserer Forderungen nicht umgesetzt worden und die Transparenz im Planungs- und Prüfwesen, für die die strikte Trennung von Planung, Prüfung und Ausführung notwendig ist, stand auf der Kippe. Erst in letzter Minute wurde durch einen Abänderungsantrag im Wirtschaftsausschuss des Parlaments sichergestellt, dass in diesen „interdisziplinären Gesellschaften“ Beurkundungen ausschließlich den beeideten Ziviltechnikerinnen und Ziviltechnikern vorbehalten sind.

Den freien Beruf des Ziviltechnikers gibt es historisch bedingt nur in Österreich. Warum brauchen wir Ziviltechniker?

SPENER: Ziviltechniker sind mit öffentlichem Glauben versehene Personen, sie dürfen Urkunden ausstellen und ihre fachliche Expertise hat vor Gericht Sachverständigen-Status. Sie erbringen verantwortungsvolle, geistige Dienstleistungen für Investitionen von mehreren Millionen oder gar Milliarden Euro. Dass Planung und Kontrolle dabei unabhängig und strikt von der Ausführung getrennt sein müssen, ist evident.

BARBARA FREDIANI-GASSER:
Und wenn man von Verantwortung spricht, darf man nicht vergessen, dass die Tätigkeit des Planens und Prüfens, unter anderem von Gebäuden oder Anlagen, ein Prozess ist, bei dem nicht allein die Gewinnmaximierung im Vordergrund stehen darf. Es geht dabei um viel mehr, etwa um die Verantwortung für Fragen von gesellschaftlicher Relevanz wie um soziale Aspekte oder den sorgsamen Umgang mit der Umwelt. Es ist notwendig, sehr gewissenhaft zu prüfen, welchen Ressourcenverbrauch und welche Auswirkungen unser Handeln für die Bevölkerung, die Umwelt oder das Klima haben.

Vizepräsidentin Barbara Frediani- Gasser
Vizepräsidentin Barbara Frediani- Gasser © gerhard maurer
Thomas Eichholzer, Vorsitzender Sektion Zivilingenieure
Thomas Eichholzer, Vorsitzender Sektion Zivilingenieure © Oliver Wolf Foto GmbH