Als Kinder erleben sie Gewalt, nach dem Verlassen der Gruppe verlieren sie oft alle nahen Menschen, heute sind sie bei schlechter Gesundheit. Das zeigt eine Studie der Universität Zürich zu 424 ehemaligen Zeugen Jehovas im deutschsprachigen Raum vom letzten November. Ehemalige Zeugen Jehovas erlebten in der Kindheit dreimal häufiger körperliche und sexuelle Gewalt sowie sechsmal häufiger emotionale Gewalt und emotionale Vernachlässigung als die Allgemeinbevölkerung. Im Magazin „Stern“ sprach ein Aussteiger sogar über „psychologischen Terror“.

Verordneter Kontaktabbruch

Nach Verlassen der Gemeinschaft sind 77 Prozent der ehemaligen Zeugen Jehovas von verordnetem Kontaktabbruch betroffen: Mitglieder, auch engste Familienangehörige wie Eltern und Kinder, müssen den Kontakt zu den Ausgestiegenen abbrechen. Jede dritte befragte Person hatte nach Verlassen der Gruppe Suizidgedanken, jede zehnte unternahm einen Suizidversuch.

Während der Mitgliedschaft hatten 75 Prozent der Befragten kaum oder keinen Kontakt zu Außenstehenden. Sie verbrachten durchschnittlich 15,8 Stunden pro Woche mit religiösen Aufgaben, 70 Prozent der Befragten hatten nicht genügend Zeit für Arbeit, Familie oder Freizeit.

Chronisch und psychisch krank

Die Befragten sind durchschnittlich 13 Jahre nach Verlassen der Gemeinschaft 40 Prozent häufiger von chronischen Krankheiten und ein Drittel häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen als die Allgemeinbevölkerung. Sie weisen eine tiefere Lebensqualität und ein höheres Stresslevel auf.

Die alarmierenden Ergebnisse der Studie decken sich mit den Berichten von Ausgestiegenen. Sie zeigen, dass verordneter Kontaktabbruch Beziehungen und Familien zerstört und Menschen krank macht. Auch der Hamburger Amokläufer war ein ehemaliger Zeuge Jehovas. Religionsexperte Michael Utsch im ZDF ist überzeugt: „Der Austritt kann extreme Lebenskrise auslösen.“ Die Studie macht außerdem deutlich, welch extremer Gewalt Kinder und Jugendliche bei den Zeugen Jehovas ausgesetzt sind. Die Studienergebnisse sind ein Appell an Gesellschaft und Politik, gegen verordneten Kontaktabbruch vorzugehen und Kinder in vereinnahmenden Gemeinschaften besser zu schützen.